Mach dich nackig – Sunday Sermon

März 18, 2018 in Allgemein von bettina

Ein Text zur Selbstbefragung oder als Kleingruppenarbeit von Matze Wilhelm

fernrohr_teddy-kelley_unsplashDie Sache mit der Wahrheit

„Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Johannes 8, 31-32

Eine gefährliche Idee

„Naja, es kommt darauf an, was man mit Wahrheit meint.“ Diese Antwort gab mir ein Schüler während einer Deutschstunde auf die Frage, ob man immer die Wahrheit sagen müsse. Wir beschäftigten uns im Rahmen einer Unterrichtsreihe mit dem Schwerpunkt „Überzeugend Argumentieren“ mit der Idee, eine Woche lang nur die Wahrheit zu sagen und dabei keine Rücksicht auf die Konsequenzen zu nehmen.

Die Schüler merkten sehr schnell, dass diese Idee ein großes Potenzial in sich birgt, Konflikte heraufzubeschwören, die einige Beziehungen gewiss belasten oder gar zerstören könnten. „Zumindest, wenn man Wahrheit so versteht, dass man einfach alles sagt, was einem gerade so durch den Kopf geht.“ ergänzte derselbe Schüler und hatte damit, wie ich glaube, absolut recht.

Es ist offensichtlich, dass wir bei diesem Begriff alle sowohl recht unterschiedliche Definitionen zugrundelegen, als auch eine gemeinsame Schnittmenge in unserem Verständnis von „Wahrheit“ entdecken, wenn wir darüber ins Gespräch kommen. Und wenn „Wahrheit“ etwas ist, das die Bibel mit Jesus selbst identifiziert, dann lohnt sich ein genauerer Blick darauf. Wenn die Wahrheit das ist, von dem uns Jesus selbst sagt, dass sich uns freimacht, dann gebührt es sich, dem nachzugehen.

Zaghaftes Seelenstriptease

Warum wir nicht immer das aussprechen, was wir denken, hängt mit unserem Gespür dafür zusammen, dass die Beziehungen, in denen wir leben, sehr zerbrechlich sein können. Wir offenbaren unser Inneres daher nur nach sorgfältiger Abwägung der jeweiligen Situation, indem wir die Belastbarkeit unseres Gegenübers Stück um Stück ertasten und prüfen. Sobald sich eine Beziehung als zunehmend belastbar erweist, trauen wir uns, unser Innerstes mehr und mehr zu enthüllen.

Jede Form von Kommunikation, die sich am Ideal eines „wahrhaftigen“ Miteinanders orientiert, kann man daher mit einem sich Entkleiden oder Entblößen vergleichen. Ich gebe zunehmend meinen Schutz auf, damit ich mich dem anderen so wie ich bin zeigen kann. Das Misstrauen gegenüber der Reaktion des anderen lässt uns dabei äußerst zaghaft vorgehen.

Der Mensch soll „nackt“ sein

Wie mir scheint, ist das sich Entblößen eine der tiefsten Sehnsüchte, die wir als menschliche Wesen in uns tragen. Wir wollen uns mit all unseren Mängeln und Schwächen auftun, so dass wir nichts mehr zu verbergen haben und mit erhobenem Haupt aufrecht oder besser aufrichtig durchs Leben gehen können.

Die Paradiesgeschichte kann uns dabei helfen zu verstehen, wie Gott den Menschen ursprünglich gemeint hat und was es bedeutet, wenn wir aus dem Vertrauen zu Gott fallen. Die ersten Menschen leben komplett nackt im Garten Eden und erleben dabei die Wahrheit der Güte Gottes in einer Unmittelbarkeit, die erst durch das Misstrauen zerbricht. Der Gedanke daran, dass ihnen etwas Wesentliches vorenthalten würde schickt sie letztlich in die soziale Isolation. Sie wollen sich verbergen vor dem, der selbst die Wahrheit ist, da sie eben dieser Wahrheit nun misstrauen und legen somit ihren ursprünglich freien Lebenswandel ab.

Misstrauen schafft Heimlichkeiten. Alle Heimlichkeit begrenzt unsere Freiheit. Und Freiheit bedeutet nichts anderes als Vollmacht. Nämlich die Vollmacht, das Leben, wie Gott es uns in all seiner Fülle zugedacht hat, ganz in Besitz zu nehmen. Darum ist ein Mangel an Vertrauen auf Gottes Wahrheit in unserem Leben zugleich auch ein Mangel an Leben selbst.

Ein unbedingter Wert in der Nachfolge

Ein anderer Begriff, den wir häufiger benutzen als „Wahrheit“ ist „Ehrlichkeit“. Hier schwingt noch das Wort „Ehre“ mit, das wir zumindest in unserer Gesellschaft eher marginal antreffen und uns schlichtweg ein Fremdwort geworden ist. „Ehre“ ist ein symbolum flexibile, d.h., dass die Ehre, verstanden als Ansehen und Würde einer Person, an den jeweiligen kulturell unterschiedlichen Wertvorstellungen bemessen wird. So stellt die „Ehre“ eigentlich keinen eigenen Wert dar, sondern bezieht ihre Macht aus einem gesellschaftlich anerkannten Wertekodex heraus.

Was bei uns wohl tatsächlich noch mit Ehre zu tun zu haben scheint, ist der Wert der Wahrheit. Eine ehrliche Person ist diejenige, die sich in all ihren Worten, Taten und Gedanken auf diesen Wert ausrichtet. Dieser Person sprechen wir indirekt „Ehre“ zu. Ist jemand unehrlich, so sinkt auch sein Ansehen und unter Umständen auch seine Würde in unseren Augen.

Ehrlichkeit ist ein unbedingter Wert der Nachfolge. So mahnt Paulus beispielsweise die Philipper:

„Weiter liebe Brüder und Schwestern: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht!“ Philipper 4,8

Und er gibt den Ephesern einen entscheidenden Hinweis darauf, was ein gottgefälliges Leben in der Wahrheit von einem willkürlichen Herausplappern von allem, was einem gerade durch den Kopf geht, unterscheidet:

„Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus.“ Epheser 4, 15.

Die Wahrheit kann nur in Liebe meinen Nächsten erreichen. Die Liebe ist daher eine Art Filter für unsere Beweggründe hinter unseren Gedanken, Worten und Taten. Sind diese drei nicht von der Liebe bestimmt, so werden sie zur Lüge, egal ob irgendetwas den „Tatsachen“ entspricht oder nicht.

Mut zur Demut

Auch wenn niemand von uns eine unehrliche Person sein will, so denke ich, dass wir dennoch immer wieder in Unehrlichkeiten hineinfallen und uns darin verstricken. Es fängt meistens relativ harmlos an, z.B. dadurch, dass wir auf der Arbeit vorgeben, alles im Griff zu haben, selbst wenn wir kurz davor stehen, den Überblick völlig zu verlieren. Oder wenn wir einfach mal Zeit für uns haben wollen und dann vorgeben, dass wir noch so viel zu tun hätten und deswegen ein Treffen mit einem Bekannten absagen oder der Familie vorgaukeln, wir müssten noch wichtige Arbeiten erledigen. Wir sind zu spät zu einer Verabredung gekommen und schieben die Schuld auf den Verkehr, obwohl es eigentlich daran lag, dass wir 10 Minuten zu spät losgefahren sind.

Es gibt so viele Alltagssituationen, in denen wir schnell dazu neigen, den Schein aufrecht zu erhalten, damit niemand bemerkt, dass wir sind, wie wir nun einmal sind: nicht immer zuverlässig, oft launisch und träge, erschöpft, ausgelaugt und griesgrämig … Aber ist das denn wirklich ein so großes Problem? Wenn Gott für uns ist, wer kann gegen uns sein? Natürlich sollen wir an uns arbeiten und unseren Charakter vom Heiligen Geist formen lassen. Wir sind synergoi, d.h. Mitarbeiter des Heiligen Geistes bei der Umgestaltung unseres Wesens hin zum Bild Christi. Aber das heißt doch gerade, dass wir nicht vorgeben sollen jemand zu sein, der wir eigentlich noch gar nicht sind.

Ist es so schlimm zuzugeben, wenn wir lieber entspannen wollen als uns mit jemandem zu treffen? Ist es wirklich so schlimm, wenn wir mal zu spät kommen oder mal eine Auszeit von der Familie haben möchten? Müssen wir immer der Vorreiter auf unserer Arbeit sein, der Checker, der Held? Oder ist es nicht heilsamer an der Wahrheit zu kleben, um dann auf Barmherzigkeit hoffen zu dürfen? Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen erbarmt er sich.

„Wer auf Gottes Erbarmen hoffen darf, der erlangt Mut zur Ehrlichkeit.“
1. Petrus 5, 5

Mute dich zu

Wir sind nicht – wie es etwa Kleinkinder noch oft sind – voller Vertrauen gegenüber unseren Mitmenschen, sondern wagen es nur sehr zaghaft, uns den anderen zuzumuten. Ob nun aufgrund schlechter Erfahrungen und vergangener Verletzungen, aus Leistungsdruck oder aus Scham und Selbsthass. Der einzige Weg aus der Unehrlichkeit ist auf die Wahrheit zu vertrauen, dass du von Gott so sehr geliebt und angenommen bist, dass du dich nicht davor fürchten musst, dich mit all deinen Fehlern zu zeigen.

Nun geht man natürlich nicht einfach los und offenbart sein Innerstes einem Wildfremden. Aber wir haben als Christen das große Privileg, Geschwister im Glauben an dieselbe Wahrheit zu haben. Es muss so sein – oder werden – , dass wir untereinander ein so festes und unerschütterliches Vertrauen aufbauen, in welchem wir unsere tiefe Sehnsucht nach Offenheit und Ehrlichkeit stillen und als freie und geliebte Kinder Gottes ein Leben in aller Fülle führen können.

Wie wäre es, wenn wir uns vielleicht wirklich einmal vornehmen, eine Woche lang auf Unehrlichkeiten zu verzichten? Man muss sich ja nicht gleich ganz „nackig“ machen, aber warum nicht einfach mal ausprobieren, was passiert, wenn ich meine Schwächen, meine Fehler und andere Unvollkommenheiten meinen Mitmenschen ehrlich zumute?


 Fragen für Kleingruppengespräche

In welchen Situationen neigst du dazu, eine kleine Unehrlichkeit zuzulassen?
Wie wirkt sich das auf dein Lebensgefühl aus?
Was könnte sich ändern, wenn du auf diese Unehrlichkeiten verzichtest?
Vertraust du darauf, dass Jesus für deine Sünde bezahlt hat?

Fragen für dich allein

Vertraust du deinen Geschwistern im Glauben?
Gibt es Heimlichkeiten in deinem Leben, die dich sehr belasten?
Könntest du dir vorstellen, einem Bruder oder einer Schwester deine Heimlichkeiten zu enthüllen?
Wenn ja, was hält dich davon ab?