Es gab eine Zeit in meinem Leben, da hat mir Weihnachten keine Freude mehr bereitet. Ich fühlte mich unter Druck, jedem ein Geschenk zu besorgen, von dem ich voraussichtlich auch eines bekommen würde, und ich wollte dabei nicht als knauserig gelten, obwohl ich mir eigentlich gar nicht so viel leisten konnte.

Ich wollte niemanden enttäuschen, auch meinen Chef nicht, so dass ich lange bei der Arbeit blieb für den Jahresabschluss und dann gehetzt durch überfüllte Fußgängerzonen rannte, nur um nichts zu finden und mit Panik in den Augen die Tage bis zum 24. runterzuzählen. Am Weihnachtsabend war die Enttäuschung dann vorprogrammiert, da die hektisch getätigten Einkäufe oft nicht die Erwartungen erfüllt hatten. Na toll.

Da mir das Weihnachtsfest aber zu wertvoll war, um seine innewohnende Freude aufzugeben, und weil ich den Drang verspürte, den Unterschied zwischen „Schenken“ und „Tauschen“ wieder erlebbar zu machen, habe ich meiner Familie und meinen Freunden eine gezielte Unverschämtheit zugemutet: Ich wurde ungerecht.

Ich habe einem ein Geschenk für 50 Euro gemacht, dem anderen eines für 10 Cent. Ich habe wieder angefangen zu basteln, zu malen, Fotos zu machen und mir Gutscheine auszudenken, die meistens nur ideellen, aber keinen bezifferbaren Wert hatten. Ich habe Figuren aus Getränkedosen, Fotoalben aus Flohmarktbüchern und Weihnachtskarten aus Pizzakartons gemacht, weil ich mein gesamtes Weihnachtsbudget für ein einziges Geschenk verblasen hatte. Und ich habe mir sogar das Recht herausgenommen, Menschen etwas zu schenken, von denen ich nichts bekam und mich beschenken zu lassen, ohne das Geschenk zu erwidern. Das war erst einmal ein Schock für alle.

Inzwischen hat sich meine Verwandtschaft aber daran gewöhnt und fängt schon genauso an. Wer keine Zeit zum Geschenke besorgen hat, der lässt es eben bleiben und hat dafür am Weihnachtsabend gute Laune. Wer wenig oder kein Geld hat, verschenkt eben witzige Kleinigkeiten oder beginnt einen Wettbewerb um das sinnbefreiteste Utensil unter 5 Euro auf dem Gabentisch.

Wer viel verschenken möchte, erzeugt keinen Zwang zur Reaktion beim Beschenkten; Tante und Oma dürfen sich voll ausleben, ohne schlechte Gewissen zu erzeugen! Und wer viel bekommt, kann sich von Herzen freuen, auch wenn er selbst nichts verschenkt hat. Keiner schenkt mehr, um etwas zu bekommen, sondern jeder schenkt nur noch um etwas zu verschenken!

Das einzelne Geschenk wird persönlicher und wichtiger, weil der Berg an Überflüssigem schrumpft. Die Kinder können plötzlich genauso tolle Geschenke wie die Erwachsenen machen. Es fühlt sich alles wieder wie schenken an. Weihnachten wird wieder erlebbar! Und ich glaube, meine Familie ist mir sogar ein wenig dankbar, dass ich uns vom Zwang der Schenkerei befreit habe.

Also, fühl dich frei! Denn du bist es. Mach lieber einem Menschen am Weihnachtsbaum eine richtige kleine Freude als allen Menschen eine Pseudofreude! Wenn du die Menschen um dich herum liebst, dann brauchst du ihnen nichts zu schenken – und wenn du sie nicht liebst, dann doch erst recht nicht. Nimm dir das Recht, Erwartungen zu enttäuschen! Denn du hast es. Und vor allem hast du es verdient, dein Weihnachten zu genießen, ohne Zwang und Geschenkepreisvergleich. Es ist erst mal ein wenig anstrengend, aber zumindest in meiner Familie hat es sich gelohnt.

In diesem Sinne
Frohes Fest!

Frank Schäfer

Dieser Text entstand im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem Bayrischen Fernsehen (BR) zur Frage: „Gehen bei all dem vorweihnachtlichen Kitsch & Konsumrausch die echten Werte verloren?“ Er erscheint in ungekürzter Fassung im Kranken Boten Ausgabe 6/2103.  Weitere Artikel und Kommentare zu diesem Thema findest du auf dem BR-Blog „Woran glauben?“ und auf katholisch.de.

 

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